Kieselsteintasche

Ich stehe morgens auf und fasse meinen Bauch an. Ich denke, dass das einfach nur eklig ist, das was ich da in meinen Händen halte. Und wenn ich in kurzer Hose sitze und meine Oberschenkel sich berühren, denke ich, nicht mehr essen zu können. Ich sehe all die Narben und Wunden vom Kratzen im Spiegel. Mein Darm spielt verrückt, weil ich meine Lieblingsspeisen esse. Meine Sehnen tun weh und ich denke mir, wie unfähig mein Körper doch ist. Ich frage mich, warum meine Haare so dünn werden müssen, wenn ich sie länger wachsen lasse und warum meine Muskeln mich an einigen Tagen so sehr hängen lassen müssen, dass ich mich quälen muss, wenn ich Sport mache. Warum er so hässlich ist, mich so im Stich lässt, wenn ich mal krank werde. Ich frage mich, warum mein Hirn so krank ist, warum es mir eine Generalisierte Angststörung verpasst hat und Gefühl und Verstand nicht zusammenarbeiten.

Ich habe wenig Liebe für meine Körper und alles was dazu gehört. An einigen eigentlich gar keine. An den Tagen, an denen ich nicht aufstehen kann, Eis esse oder keinen Sport mache, an Tagen an dem eine soziale Situation zu viel war oder ich mich mit jemandem gestritten habe. Manchmal einfach so, ohne das irgendwas passiert zu sein scheint.

Otter habe eine kleine Tasche an ihrem Körper, in der sie ihren Lieblingskieselstein verstauen. Wenn ich daran denke, muss ich lächeln und gleichzeitig denke, warum mein Körper nicht so etwas Sinnvolles und Schönes wie eine Kieselsteintasche hat. Sie steht für alles was ich gerne hätte, aber nicht ändern kann, an mir, in mir und um mich herum. Leider bin ich nur gestraft mit all den Schwächen, Fehlern, oberflächlichen Makeln und einer psychischen Krankheit.

Das denke ich leider zu oft. Viel viel zu oft. Überhaupt das Denken scheint eines der großen Fehler überhaupt zu sein.

Und jetzt tue ich etwas, das mir nicht leicht fällt und was nicht von allein geht. Etwas, wofür ich mich hinsetzen und in mich gehen muss. Zumindest jetzt noch. Ich werde mich bedanken. Für mich selbst. Denn für all diese schlimmen Gedanken, kann ich neue formulieren, vielleicht den alten Gedanken eine andere Bedeutung geben und ich starte damit, mir und meinem Körper Danke zu sagen.

Danke dafür,

dass du mir Bescheid sagst, wenn es mir nicht gut geht.

dass du all diesen Hass aushälst und weitermachst.

dass du auch unter Qualen nicht zusammenbrichst.

dass du mich zwingst, Dinge zu tun, die mir gut tun, Dinge zu essen die mir schmecken und Sachen zu probieren, die mir Spaß machen.

dass du mich an einigen Tagen zurückhalst, wenn ich es nicht erkenne aber brauche.

dass du funktionierende Gliedmaßen und Organe hast.

dass meine Fähigkeiten in den seltensten Fällen verlassen, auch wenn ich nie an mich glaube.

Ich danke mir, dass ich mir jeden Tag eine zweite Chance gebe. Denn eine Kieselsteintasche ist mega cool, aber eigentlich bin ich mir selbst gut genug und kann auch ohne sie leben.

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