Mutausbruch

Weinend telefoniere ich mit meinem Mann: „Was ist denn los, wieso weinst du denn jetzt, du hast es jetzt doch geschafft!“

Ja, ich habe es geschafft. Ich darf den Oskar (wenn auch erstmal vorläufig) an die Uni holen. Und doch kann ich mich heute Abend nicht so richtig darüber freuen. Warum? Weil das Gespräch mit meinem Vorgesetzten nicht schön war, aber auch nicht negativ ausgefallen ist. Weil ich heute wegen all der Angst, Aufregung und Stress nicht ordentlich essen konnte. Weil ich es gewagt habe, nach dem Gespräch mit meinem Vorgesetzten noch eine Mail zu schreiben, mit dem Hinweis, dass ich nach Vorschriftenlage den Hund doch schon holen kann. Und fünf Minuten später bekam ich darauf die Antwort: „Hiermit genehmigt“. Nicht mehr und nicht weniger. Und ich hatte solche Angst, die Mail überhaupt zu verfassen. Mich aus dem Fenster zu lehnen und meine Vorgesetzten erneut auf meinen Gesundheitszustand und die Vorschriftenlage hinzuweisen. Ich kam mir furchtbar wagemutig und dreist vor. Ja egoistisch schon fast.

Nachdem ich mich völlig dumm und wertlos nach dem Gespräch gefühlt hatte, hatte ich wieder Zweifel, ob ich das alles richtig machen. Ob ich eine gesunde Entscheidung getroffen habe und ob der Wert des Tieres in meinem Alltag, den ganzen Stress Wert ist. Ein absolutes Tief erwischte mich. Ich hatte keine Lust Sport zu machen oder irgendwas, musste mich zwingen mich nicht ins Bett zu legen. Dabei hatte ich noch vor, direkt die Vorschrift zu prüfen, um zu schauen, gegen was der Hund alles noch behandelt werden muss. Leider ging gar nichts bis meine beste Freundin auftauchte, mit mir redete, mich in den Arm nahm und obwohl sie auch nicht die beste Laune hatte, begleitete sie mich zur Bibliothek, um mit mir in die Regelungen bezüglich Tierhaltung zu schauen. Und da stolperten wir über den entscheidenden Absatz. Wir beiden bedachten das Ganze. Sollte ich jetzt doch echt noch mal darauf herumreiten, wo ich doch schon das Gespräch hatte und mein Antrag doch schon in seinen Anfängen ist? Wie kann man es formulieren, ohne dass es zu frech klingt? Hin und her, zerdacht und tausend Mal umgedreht. So wie immer.

Bevor mir das alles wieder zu viel wurde, zwang ich mich dann doch zum Spinning. 90 Minuten schwitzen. Es tat gut, machte sogar Spaß. Zu Beginn war ich noch sehr aufgewühlt. Doch nach und nach festigten sich meine Gedanken und ich beschloss, es zu wagen. Mich überkam sogar ein kleiner Optimismus. Und davon angefeuert, lief ich zu einer Freundin, die gut formulieren konnte und schickte die Mail ab.

Dann diese kurze Antwort. Ich war geschockt. Kam mir verarscht vor. War auch glücklich, aber konnte nicht fassen, dass es so einfach war. Ein kurzes Gespräch mit meinem Vater gab mir etwas Ruhe. Ich darf auch mal für mich einstehen, mutig sein, mich an erste Stelle setzen. Die andere machen auch nur ihren Job und fühlen sich nicht angegriffen, wenn man mit gutem Recht etwas verlangt, Und doch weine ich am Telefon mit meinem Mann. Weil es neu für mich ist. Ich stelle mich nicht an erste Stelle. Ich bin nicht mutig, nicht laut, nie egoistisch. Wenn ich es doch mal bin, fühlt es sich falsch an. Sogar richtig mies, als dürfte ich das nicht. Als würde ich mir zu viel rausnehmen. Aber manchmal scheint mein Unterbewusstsein es besser zu wissen. Mein gesunder Anteil. Und dieser bricht dann aus, wenn ich ihn zu lange unterdrücke. Er schreit und nimmt sich Platz und ist mutig. Er steht für mich auf.

Und er ist nicht wütend. Er möchte nur helfen. Danke dir, gesunder Anteil, danke an alle meine Freunde, Familie und an meinen Mann. Wegen auch habe ich Mutausbrüche.

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