Liebe auf Entfernung

Die Tränen in den Augen meiner Oma rühren mich. Auch meine liebe Tante ist traurig, dass ich jetzt wieder gehen muss. Ich drücke sie alle ganz fest, auch meinen Vater und meine Geschwister, in dem Wissen, dass wir uns wieder sehen. Aber auch mich schmerzt der Abschied. Ich kämpfte mit den Tränen in den Armen meiner Familie und während ich diesen Beitrag schreibe.

Rumänien ist weit weg und jedes Mal, wenn ich dort bin, spüre ich die Liebe meiner Familie, obwohl ich nicht mal die Sprache verstehen kann. Obwohl ich mich vor allem mit meiner Oma nicht unterhalten kann. Diese Menschen bedanken sich, dass ich da war, obwohl sie mich die ganze Zeit umsorgt haben. Sie geben mir Geld, obwohl ich genug habe und sie sehr wenig. Manchmal kann ich es kaum ertragen, wie gut diese Menschen sind. Es ist ihnen so wichtig, dass es dir gut geht, dass du genug zu essen, zu trinken hast, in Ruhe schlafen kannst und Spaß hast. Sie stehen für dich früher auf, bereiten alles vor und am Ende bedanken sie sich dafür, dass sie das alle für dich tun konnten. Und wollen dich so schnell wie möglich wieder da haben.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich in der deutschen Gesellschaft und im meinem Umfeld manchmal vergesse, was wahre Fürsorge, Zuneigung und Gastfreundschaft ist. Ausgenommen meine enge Freunde. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, wenn ich bei Freunden meiner Familie zu Besuch bin und alles stehen und liegen gelassen wird, damit meine Geschwister und ich versorgt sind. Sie machen mich sprachlos. Denn es sind nicht nur meine Oma und meine Tante. Alle im Dorf in Rumänien sind so. Und ich würde dasselbe auch für sie tun. Aber diese Art Umgang bin ich nicht gewöhnt. Sie wünsche dir alle Kraft, sie beten für dich, hoffen, dass du wieder auf die Beine kommst und sagen dir das auch. Sie haben mit Psychologie nicht viel am Hut, aber sie verstehen, dass Schwierigkeiten hast und sie versuchst in den Griff zu bekommen mit Hilfe.

So sehr ich auch mit dem Essen zu kämpfen hatte, die letzten drei Wochen, so sehr ich eine Art Körperhass vor mir hergeschoben habe, so sehr habe ich aber auch meine Familie geliebt. Für ihre Sorge und ihren Motivation mich zum Essen zu bewegen, Dinge zu tun und für mich da zu sein.

Ich habe die letzten Jahre so viel allein gekämpft, schweigsam beschämt, mit schlechten Bewältigungsstrategien. Und erst jetzt, wo ich mich Stück für Stück auseinander nehme, offen ohne jeglichen Schutz mit mir und der Umwelt in Kontakt trete, merke ich wie die Liebe der anderen heilsam sein kann. Wenn auch nur für den Moment. Denn meine Genesung ist noch in den Kinderschuhen. Und ja, ich habe das Gefühl so viel Fürsorge nicht verdient zu haben, so viel Liebe.

Doch an meinen depressiven Tagen, in meinen schlechten Momenten, bin ich unglaublich froh zu wissen, dass es diese Menschen gibt und dass ich sie anrufen kann. Zu ihnen gehen kann, wann immer ich es möchte.

Denn es ist egal, wie weit in welche Himmelsrichtung meine Familie auch verteilt sind. Wenn wir zusammen sind, dann kümmern wir uns, wir sind füreinander da, wir vergessen uns nicht, nur weil wir uns nicht sehen. Wir lieben uns auch mit unseren Problemen und Krankheiten. Wir lieben uns auch auf Entfernung.

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