Messiehaushalt

Stapelweise Bücher hinter mir, drei Haufen Kleidung um mich herum, ein selbstgemachtes Fotoalbum einer Freundin aus Kindertagen in meinem Schoß.

Den ganzen Tag schon räume ich meine alten Regale und Schränke in meinem Kinderzimmer aus. Nicht auf. Dementsprechend ist das Chaos ausgebrochen. Seit 5 Jahren wohne ich nicht mehr richtig zu Hause und bin nie wirklich dazu gekommen, richtig auszuziehen. Und es ist nicht einfach. Meine alten Bücher sind wie Freunde und zu jedem Kleid habe ich eine Geschichte. Ich habe mich entschieden alles zu entsorgen, spenden, recyceln lassen, vielleicht auf dem Flohmarkt verkaufen. Den Dingen ein neues Zuhause, ein anderes Leben oder einen anderen Sinn geben.

Und mit all den alten Fotos und Krimskrams den ich den Händen halte und abwäge, welche davon ich wirklich behalten muss, finde ich nur die positiven Dinge in meiner Vergangenheit. Bilder von Familienausflügen, Osterfesten, Geburtstage von mir und meinen Freunden. Kleine Figuren und Edelsteine, Schmuck, geschenkt zu verschiedenen Urlauben, Stadtfesten, zur Einschulung. Und es tut mir gut zu wissen, dass es vor allem auch diese Tage gab, dass es so viele Momente in meiner Vergangenheit gab, die einfach toll waren.

Ich brauche den ganzen Tag, um nur die Kleidung und Bücher in Kisten zu verpacken. An die Erinnerungsstücke traue ich mich nicht mehr heran. Einerseits aus Zeitgründen, andererseits weil ich Angst habe, dass die gute Momente verschwinden, dass nur das schlechte aus der Vergangenheit in meinen gedanklichen Regalen und Schubladen liegen bleibt, weil ich all das gute in der realen Welt entsorgt habe.

Es gibt keine Bilder davon, wie ich weinend abends im Bett liege, keine Videoaufnahme, von den Schlägen, die meine Geschwister und ich als Strafe bekommen haben. Keine Beweise mehr, von dem Hass und dem Frust, den ich mir und allem um mich herum manchmal entgegengeschleudert habe. Davon findet sich nichts in meinem Zimmer.

Aber in mir selbst. So präsent und real. Und ich räume darin herum, stelle das eine oder andere mal weiter nach oben, mal in einer andere Schublade. Einige liege Erinnerungen unsortiert auf einem Schreibtisch. Selten finde ich dazwischen den Edelstein, der mich an meine Grundschulzeit erinnert oder das Herr der Ringe Labyrinth, dass mich an die Spielenachmittage mit meinen Geschwister erinnert. Denn zwischen all den belastenden Dingen, gehen sie oft einfach unter. Manchmal sehe ich meine Therapie, wie eine riesige Entrümpelungsaktion und am Ende, ist nur noch das Wichtigste übrig. Nicht nur positive Erlebnisse, natürlich nicht. Denn auch die negativen Dinge, sind wichtig, sind Teil meiner Identität, Teil meiner Lernerfahrung und meiner Stärken, die ich noch zu entdecken versuche.

Doch statt kognitivem Messiehaushalt hätte ich lieber eine Raumgestaltung á la Tiny House: sinnvoll, strukturiert, kreativ mit den wichtigsten und liebsten Dingen, die man zum Leben und Lieben braucht.

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