Versuchskaninchen

Nachdem ich darüber geschrieben habe, wie wichtig ich das soziale Umfeld für den Genesungsprozess halte, möchte ich heute nochmal auf die soziale Komponente in Heilungsprozessen zurückgreifen.

Dass ich Depressionen habe, haben meine Eltern erst erfahren, als ich meine erste Therapie schon beendet hatte. In einer Situation, in der ich so verzweifelt war, dass sich meine Eltern schon wieder stritten und meine Mutter nicht verstand, warum ich sie bat, eine Therapie zu machen. Es ging ihr nicht gut und manchmal glaube ich, dass es ihr bis heute nicht besonders gut geht und immer noch eine beginnen sollte. Ich habe versucht, mit der Info, dass ich auch eine Therapie gemacht habe, meine Mutter zu überzeugen, dass ihr das auch helfen würde. Leider ist das nach hinten losgegangen und meine Mutter bekam eher Schuldgefühle und ließ sich sonst nicht viel davon beeinflussen. Das war auch einer der Gründe, warum ich davon lange Zeit nicht erzählt hatte. Bis heute muss ich meine Eltern ab und zu daran erinnern, dass ich eine psychische Krankheit habe, wenn sie sich wieder über psychisch kranke Menschen auslassen oder wenig Verständnis dafür haben. Meine Geschwister wissen viel mehr, auch dass ich jetzt Medikamente nehmen und es mir oft nicht so gut geht. Insgesamt ist meine Familie eher ein geringerer Faktor was die Unterstützung anbelangt, aber das ist okay, denn ich habe nie viel erzählt und viel mit mir selbst ausgemacht.

Mein Mann hingegen spielt hinsichtlich meiner Heilung einen viel größere Rolle. Nicht nur, weil ich mit ihm zusammenwohne und deutlich mehr von ihm habe, als von meiner Familie, sondern, weil er maßgeblich entscheidend für meine positive aber auch neue negative Beziehungserfahrungen ist. Das gilt teilweise auch für meine Freunde. Oft muss ich zwangsläufig neue Erfahrungen mit ihnen machen, indem ich neu erlerntes Beziehungsverhalten ausprobiere. Und ich probiere wirklich viel rum. Besonders mit meinem Mann. Nicht weil ich ihm schaden möchte oder ihn als Versuchskaninchen nutze, sondern weil ich einfach noch nicht so richtig weiß, wie eine gute Beziehung funktioniert. Wie man sich fühlen darf, was man sagen soll, wie man streitet, wann man sich durchsetzt und wann nicht.

Ich wende häufig Rückversicherungen bei meinen Freunden an. Frage sie, ob ich jetzt gerade übertreibe, oder ob andere das auch manchmal haben (Reality Check). Manchmal probiere ich bei ihnen auch zuerst neue Verhaltensweisen aus, weil sie gnädiger mit mir sind und es meist keine so negativen Konsequenzen nach sich zieht.

Das schwerste ist aber immer noch zu entscheiden, wie viel ich ihnen zumuten kann. Wie oft kann ich mich an meinen Mann oder an meine Freundinnen wenden, wenn es mir mies geht? Wem kann ich erzählen, dass ich Suizidgedanken habe? Wer möchte das wissen, weiß aber nicht wie er mir helfen soll? Wer möchte vielleicht etwas Abstand von mir und meinen verrückten Gedanken? Ist es okay, mit meinen Beziehungen herumzuexperimentieren, wenn es mir hilft und vielleicht sogar der Freundschaft oder Partnerschaft hilft. Wie viele Versuche habe ich?

Es tut mir leid, meine Liebsten!

Ich habe euch lieb,

euer Versuchskaninchen.

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