Vom Gefühl, „Nichts“ zu haben

„Ich weiß nicht, ob ich zum Arzt gehen soll.“

Diesen Gedanken habe ich schon so oft gehabt und mit meinen engsten Menschen geteilt und ich weiß auch das andere ihn haben. Das Gefühl nicht sicher zu sein, ob die Schmerzen oder das Unwohlsein, was man da gerade verspürt nur eine Kleinigkeit sind, auch wenn man sie schon seit Wochen hat. Psychosomatisch ist in dem Zusammenhang ein sehr schöner Begriff. Letzteres ist im allgemeinen Sprachgebrauch genauso gut wie das Wort „pure Einbildung“, weil man in der jetzigen Lebenssituation eh gestresst, traurig, belastet usw. ist. Nimmt man nebenbei noch Psychopharmaka, wie in meinem Fall, wollen einem die Ärzte sowieso oft einreden es wären wahrscheinlich nur die Nebenwirkungen vom Medikament. Die Rückenschmerzen, die man schon seit Ewigkeiten hat oder auch die Magen-Darm-Beschwerden, mit denen man versucht hat zu leben, aber doch zu unangenehm und belastend sind. Ich möchte gar nicht verneinen, dass sich solche Dinge schlimmer anfühlen, wenn ich mir mal wieder zu viele Sorgen mache oder einen stressigen Tag habe, aber das heißt ja nicht, dass sie immer da sein müssen, nur weil ich eine psychische Krankheit habe oder gerade die Nebenwirkungen von einem Medikament einschlagen.

Ich hatte schon Streit mit meinem Mann, als ich seit drei Wochen starken Schmerzen in der Kniebeuge die Wade runter hatte. Ich wollte nicht zum Arzt gehen, weil ich da schon so oft in letzter Zeit war. Er war davon überzeugt, ich müsste auf jeden Fall gehen, selbst wenn es dann nichts Schlimmes sein sollte. Aber ich komme mir mittlerweile vor wie ein Hypochonder und bin oft kurz davor zu glauben, mir wirklich alles einzubilden. Manchmal verspüre ich den Wunsch, dass dann was wirklich Schlimmes sein sollte, damit es okay war, mich behandeln zu lassen. Das ist so ein schrecklicher Gedanken. Im Falle der Schmerzen in der Wade, war es nur was kleines Muskuläres und ich habe mich so geärgert, deswegen Alarm gemacht zu haben und wieder beim Arzt gewesen zu sein.

Mit meinen psychischen Problemen ist es ganz genauso. Ihr wisst gar nicht, wie lange ich gebraucht habe, michh dazu zu bringen, erneut nach einer Therapie bei meinem Arzt zu fragen. Über mehr als einem Jahr habe ich damit gekämpft, bis ich dann germerkt habe, dass wirlich gar nichts mehr ging. Dabei hatte ich doch schon eine Therapie. Ich bin doch schon geheilt. Es war doch alles gut Anfang 2018.

Oft rede ich mir ein, ich hätte doch gar nichts, ein paar Sorgen und ein mieses Selbstbild, wer hat das bitte nicht. Und klar, nimmt man Medikamente, aber braucht man die wirklich oder hat man sich nur selbst ganz tief in die Krankenrolle gedrängt. Hat man einfach nur eine psychische Krankheit vorgeschoben, obwohl man in Wahrheit einfach nur zu faul ist und keinen Bock hat aufs Studium hat? Oft denke ich, dass das genau das ist, was alle anderen um mich herum tatsächlich von meiner „psychischen Krankheit“ halten. Dass sie denken, dass es mir gar nicht schlecht genug geht, um eine Pause zu machen. Dass ich doch Sport mache und funktionierende Beziehungen habe. Dass ich nicht danach aussehe, dass ich wirklich krank bin.

Ich habe diese Gedanken oft. Die tun mir richtig weh. Denn ich weiß nicht, wie ich sonst die Tage erklären soll, an denen ich wie gelähmt war oder Nächte und Situationen am Tag in denen ich nicht aufhören konnte, zu weinen. Wie kann ich mir den ganzen Selbsthass erklären. Die Wut und plötzliche Aggression, die in mir brennt und keinen Weg findet. Wieso habe ich so viel Angst vor so vielen Dingen und warum, versuche ich mich in allem abzusichern, alles zu kontrollieren und neue Dinge zu vermeide, um nicht neue Sorgen und Ängste haben zu müssen? Wieso bin ich immer müde und erschöpft? Warum kann ich nicht aufstehen?

Warum funktioniere ich nicht, wenn ich doch überhaupt Nichts habe?

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