Sonnenstiche

Ich wache auf. Völlig übermüdet. Das Aufstehen fällt mir mal wieder unglaublich schwer, aber ich muss. Ich ziehe es in die Länge, aber ich habe keine Wahl. Wir müssen heute zeitig los. Ein Ausflug mit Freunden steht an. Letzte Nacht konnte ich nicht schlafen, ich mache eine Flugreise und ich kann deswegen nicht schlafen. Ich stoße dabei so viele Emissionen wie ein EU-Bürger im Jahr ausstoßen sollte und ich schaffe das innerhalb von drei Wochen. Ich hasse mich dafür. Nennt es fanatisch, verrückt. Ist es auch. Ich denke mir: „Warum tust du dir das an? Hast du nicht genug Ketten und Regeln?“

Mir geht es nicht gut am Morgen, wegen der nächtlichen Geschichte. Da ist aber noch was anderes. Ich stehe vor meinem Kleiderschrank und kann mich nicht entscheiden, was ich anziehen soll. Nicht, weil ich zu viel Auswahl hätte, sondern weil ich mich in meinen sommerlichen Klamotten nicht wohlfühle. Zu viel Bein, zu eng, bloß nicht bauchfrei. Der Bikini engt mich ein. Ich trage so gut wie nie BHs oder Bustiers und ich habe das Gefühl, dass das Bikinioberteil mir die Luft abschnürt. Ich sehe jedes einzelne Gramm Fett, alles schneidet ein. Aber was habe ich für eine Wahl bei einem Ausflug am See mit Kajak und Segelboot. Es sind vor allem die Freunde meines Mannes und ich mag sie. Doch das Gefühl, dass sich mich in meinem Bikini sehen, macht mich nervös. Einen ganzen Tag mit Menschen unterwegs zu sein, die so gut wie nichts von meinen Problemen, meiner Unzufriedenheit mit meinem Körper, meinen Magendarmbeschwerden wissen, setzt mich unheimlich unter Druck. Ich bin also schon gestresst bevor wir ins Auto steigen. Werde ich genügend Möglichkeiten haben auf Toilette zu gehen. Werde ich mich zurückziehen können? Werde ich vielleicht wieder emotional und rede zu viel über Themen, die die anderen nur halb so viel beschäftigt? Nein, nein und ja. So viel kann ich sagen. Ich habe Glück, die meiste Zeit lassen mein Mann und ich uns in unserem Kajak hinter dem Segelboot herziehen. Ich kann ein wenig entspannen. Doch die Momente nur im Bikini zwischen den anderen sind die Hölle, ich wage es kaum zu Essen, weil Darm schon wieder verrücktspielt und ich nicht weiß, wann wir wieder am Ufer sind.

Die Sonne macht mir zu schaffen. Sie brennt. Im Auto sind es fast 40 Grad. Ich werde müde, lege mich erschöpft aufs Bett nach stundenlanger Bootstour. Natürlich noch Grillen mit der Gruppe… Raffe mich wieder auf, traue mich nicht zu sagen, dass ich zu müde bin und nicht sehen möchte, wie die anderen das ganze Grillfleisch aus Plastik auspacken und essen. Ich mag nicht der Spielverderber sein. Ich steigere mich im Gespräch mit den anderen leidenschaftlich in das Klima und Nachhaltigkeitsthema rein. Vor Menschen, die ich kaum kennen. Eine ähnlich Gesinnte sitzt mit am Tisch, aber das beruhigt mich im Nachhinein nicht. Ich esse ein Baguette mit Kräuterbutter. Ich wollte es nicht essen. In Plastik eingepackt, tierisch, fettig. Mir wird schlecht. Warum bin ich nur so seltsam? Warum kann ich nicht lockerlassen. Warum mich nicht zurückhaltend und normal sein?

Ich liege im Bett und mein Sonnenbrand tut weh, ich habe Kopfschmerzen und mir ist übel. Ein Sonnenstich, denke ich am nächsten Morgen. Doch in der Nacht sind es Stiche.

Gedanken wie die Sonne: brennend, grell, unerbittlich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.