Die Hälfte von mir

Am Wochenende habe ich meinen Mann eine Nachricht geschrieben: „Manchmal habe ich Angst davor, gesund zu werden. Vielleicht kannst du mich gesund gar nicht leiden.“ Ich rede nämlich unglaublich viel, wenn ich gute Laune habe und befürchte auf Dauer nervig zu sein. Er hat mich krank kennengelernt. Woher will er wissen, ob er mein gesundes Ich auch gut findet? Er meinte dann, dass er mich ja auch schon gut gelaunt erlebt hat, und würde mir schon sagen, wenn er genervt ist. Das reicht mir als Antwort natürlich nicht. Die Angst steckt mir tief in den Knochen.

Bei nicht psychischen Krankheiten sind die Kognitionen und Emotionen meistens nicht primär beeinflusst. Bei meiner psychischen Krankheit ist alles was ich denke, fühle und mache auch von ihr beeinflusst. Meiner Art mit anderen umzugehen, meine Wahrnehmung. Manchmal weiß ich nicht so recht, wie viele Anteil Charakter und wie viel Anteil meine Krankheit an meinem Verhalten hat. Vielleicht bin ich einfach ein ängstlicher Mensch, vielleicht bin ich einfach über emotional. Natürlich muss sich das ändern, was mir im Alltag Probleme bereitet, aber die meisten Menschen, die meisten meiner jetzigen Freunde, kenne mich so. Was, wenn sie den verrückten, gutgelaunten, furchtlosen Menschen, der ich werden könnte, nicht mögen? Manchmal bin ich der sogar, und oft habe ich dann auch schon zu hören bekommen, dass ich nicht so laut reden soll. Dass es unrealistisch ist, was ich vorhabe. Oft werde ich gebremst, weil es zu viel zu sein scheint. Ich möchte nicht zu viel für meine liebsten Menschen sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass man meine leicht depressive Verstimmung auch zu schätzen weiß. Es ist vielleicht nicht besonders fröhlich, aber zumindest ruhig. Manchmal glaube ich sogar, dass mein Mann ganz froh ist, wenn ich meine Klappe halte 😀

Da ich keine Persönlichkeitsstörung habe, kann ich zumindest sagen, dass mein Charakter nicht krankhaft ist. Aber oft glaube ich doch, dass mein Charakter mitverantwortlich für die Entstehung und Aufrechterhaltung meiner Krankheit ist. Das ich durch meine Persönlichkeit einfach schon ein höheres Risiko für eine generalisierte Angststörung hatte. Und äußere Faktoren haben sie dann ausgelöst.

Ich weiß jetzt schon, dass die vielen Sorgen und Ängste nicht weggehen werden. Ich weiß auch, dass es darum in der Therapie gar nicht geht. Aber manchmal wünsche ich mir, es würde einfach alles verschwinden, was mir das Leben schwermacht. Komplett ausgelöscht. Wie eine Grippe, wie eine Erkältung, eine Verletzung, ein Kratzer nach der Heilung.

Vielleicht wäre dann aber auch viel von mir selbst weg, mein Mitgefühl, meine gelegentlich übersprudelnde gute Laune, mein Sinn für die kleine Dingen und meine Sorgsamkeit. Vielleicht wäre ich dann nur noch die Hälfte von mir. Vielleicht wäre ich dann jemand ganz anderes oder einfach nur ich.

2 Kommentare zu „Die Hälfte von mir

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