Why so perfect, honey?

Es ist halb elf und ich bin immer noch nicht zu Hause. Ich habe schon über 6 Fahrtstunden hinter mir und wenn der Akku vom Handy leer ist und es bis eben keine Steckdose gab, war auch der Laptop keine Beschäftigungsmöglichkeit. Sowas passiert, wenn man eine durchmischt stressige Woche hatte und dann seinen Haustürschlüssel an einem Ort vergisst der fast drei Stunden Zugfahrt von meiner Wohnung entfernt liegt. Wenn man dann erst am Ende der Zugfahrt feststellt, dass der Schlüssel nicht in der Jackentasche ist, tja…

Reichlich müde bin ich mittlerweile, aber schlafen konnte ich noch nie in fahrenden Dingen. Was macht man also, wenn man nicht zu tun hat und nicht schlafen kann? Genau, sich natürlich mal wieder ganz furchtbar viele Gedanken über alles und jeden und vor allem über die unangenehme Situation. Zerfleischen nennt es meine Freundin und leider mache ich das nicht nur gedanklich. Jeder Erhebung, jeder Schorf, ja eigentlich ist so ziemlich jede Hautstellen ist dazu geeignet sich bearbeiten zu lassen. Drücken, Puhlen, Kratzen… Ich mache das schon seit ich ganz klein war und bin mir nicht sicher warum das überhaupt angefangen hat. Am Anfang waren es Mückenstiche, in der Pubertät verstärkt die Pickel, jetzt so ziemlich alles. Es sieht schrecklich aus, Arme Hals und Gesicht übersät mit kleinen Narben, Schorf roten beziehungsweise blutigen Stellen. Ich fühle mich oft sehr allein mit dieser Problematik. Es fällt nämlich immer unangenehm sobald ich unter Leute bin. Leider fällt es mir immer erst auf, wenn mich jemand darauf anspricht oder ich Blut an meinen Fingern habe. Manchmal kann ich es nicht mal dann unterlassen. Ich schätze es ist eine sehr schlechte aber im Moment noch eine meiner einzigen Strategien., um Anspannung abzubauen und mich von meinen abwertenden Gedanken abzulenken.

Ich hätte den Schlüssel nicht vergessen dürfen. Es ist aber passiert. Weil ich ein Mensch bin. Weil Menschen so etwas passiert. Ja, ich habe mir die ganze zweite Fahrt nach Hause im Gesicht herum gekratzt und ich bin mir sicher, es hat jemand bemerkt. Aber warum ist es so wichtig was andere denken? Dann war ich nun mal angespannt und ich bin nicht vollständig gesund, was zum Kratzen geführt hat. Warum also ständig versuchen perfekt zu sein, keine Schwächen zu haben? Warum mich nachts mich noch zum Sport zwingen, weil ich mir den Zeitverzug selbst eingehandelt habe? Manchmal weiß ich echt nicht, warum ich versuche, einer Illusion von Perfektion hinterherzurennen. Nicht nur für andere, sondern auch für mich selbst. Meine viel zu hohen Ansprüchen an mich selbst sind, glaube ich mittlerweile, einer meiner schwierigsten Lebensaufgaben und fast täglich erschweren sie mir das Atmen. Oft habe ich mir schon Zitate, Mottos und Sprüche wie: „Es ist okay, wenn du heute nichts gemacht hast, außer zu atmen“ an den Spiegel geklebt, aber habe ich daran geglaubt? Nein. Definitiv nicht. Zumindest bis jetzt nicht.

Trotz meiner Müdigkeit muss ich leicht schmunzeln, wenn ich daran denke, dass vor meiner Haustür ein Paket mit einem T-Shirt wartet, auf dem steht: „Why so perfect, honey?“.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s