Wenn sich die äußersten Gegensätze berühren

Jeder kennt das typische Sprichwort: Gegensätze ziehen sich an. Dann stellt man oft fest, dass man zu unterschiedlich ist. Die Lebensvorstellungen nicht zueinander passen. Man versteht sich einfach nicht. Am Anfang ist das Neue noch spannend und liebenswürdig und dann hätte man doch lieber jemanden, der einem ähnlicher ist. Wie oft habe ich schon gedacht, dass mein Partner und ich uns nur streiten, weil wir zu unterschiedlich sind. Mein Professor hat einmal gesagt, dass sich die meisten seiner ehemaligen Patienten von ihren Partnern getrennt haben, weil sie einen Partner hatten, der das extreme Gegenteil von ihnen darstellte. Er habe manchmal sogar gehofft, dass sie es tun, wenn sich noch in der Beziehung waren. In Konfliktsituationen prallen extreme Gegensätze ganz natürlich aufeinander und es kommt selten zu einer zufriedenstellenden Lösung. So ist zumindest meine eigene Erfahrung mit meinem Partner und den Personen aus meinem sozialen Umkreis. Ich habe jedoch auch die Erfahrung gemacht, dass sich zwei, die sich in allem gleichen, in ihrer Beziehung feststecken. Wenn zwei emotional gehemmte Menschen zusammenleben „tun sie sich ja nichts“. Je nachdem wie man seinen Schwerpunkt legt, kann man das als langweilig, harmonisch oder vernünftig bezeichnen.

Alles regelt sich nach einem Gesetz des Gegensatzes, das zugleich ein Gesetz des Ausgleichs ist. – Theodor Fontane

Beziehungen mit extremen Gegensätzen habe neben all den Vorurteilen auch ein enormes Wachstumspotenzial. Denn das Schöne, was bei so einer Beziehung passieren kann, ist, dass ein Ausgleich entsteht. Das man voneinander lernt, die Eigenschaften des anderen bewundert und den Vorteil dieser zu schätzen weiß. Dass sich mit der Zeit eine Balance entwickelt, die beiden zu Gute kommt. Es kommt zu einer natürlichen Ordnung, bei der die Schwächen des einen durch die Stärken des anderen kompensiert werden. Vielleicht kann man das in einem zu kurzen Zeitraum nicht beurteilen und muss einige Widerstände überwinden, sofern es mit einem selbst vereinbar ist. In den letzten drei Jahren habe ich einige überwinde müssen, dennoch bin ich unglaublich froh, dass ich es getan habe.

Gestern Abend habe ich mich an einem Stück Karotte verschluckt, während ich gelacht habe und dann keine Luft mehr bekommen. In mir hat sich Panik breitgemacht, ich bin aufgesprungen, habe nach Luft gerungen, konnte mich nicht beruhigen. So viel Panik und Aufregung in meinem Körper habe ich noch nie verspürt. Ich dachte tatsächlich, ich würde ersticken. Mein Mann ist ruhig geblieben, hat mir geholfen, das ganze wieder hochzuwürgen und auszuhusten (Heimlich Griff). Er sagte mir, ich soll ruhig atmen (versucht das mal, wenn ihr nicht mehr atmen könnt). Das Schlimmste war dann vorbei und ich konnte mich draußen an der frischen Luft beruhigen und den letzten Rest raushusten. Ich weiß ehrlich nicht, was ich ohne seine Ruhe und Hilfe gemacht hätte und bin so froh, dass er überhaupt nicht so ist wie ich. Dass er mich erdet, wenn ich es nicht kann. Mich zum Lachen bringt, wenn ich mich gerade in meine Ängste reinsteigern will. Manchmal bringt mich sein unpassender Humor auch zur Weißglut und seine immerwährende Ruhe treibt mich in den Wahnsinn. Aber in solchen Situationen, wie dem „Karottenvorfall“, kann ich mich immer vollkommen darauf verlassen, dass er mich ausgleicht und mir damit hilft. Wir sind ein Team, dass sich organisiert, wie es gerade sein muss. Um es wie Jean de la Bruyère zu sagen:

Wir sind wie zwei äußerste Gegensätze, dich sich berühren.

 

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