Die rote Latzhose

Der kleine Freudentanz nachdem ich auf der Waage stand, ist mir eine Stunde später ziemlich unangenehm. Aber nachdem ich solche Angst hatte, durch die Tabletten zuzunehmen und gestern Abend trotz Sport und Salat mich eklig gefühlt habe, war die Anzeige auf der Waage eine mega Erleichterung für mich. Eine Stunde später fällt mir leider auch ein, dass ich vielleicht auch Muskelmasse abgenommen haben könnte. Aber erstmal kann ich das ausblenden und auf einmal schau ich in den Spiegel und sehe richtig „schmal“ aus, fast zierlich. Innerlich muss ich bisschen lachen, weil das unmöglich sein kann, von einem Tag auf der anderen gefühlt fünf Kilo schlanker auszusehen. Aber es fühlt sich so an, und meiner Meinung nach sieht es auch so aus. Und weil ich ein gutes Gefühl habe und mich im Spiegel ansehen mag, ziehe ich mein Lieblingskleidungsstück an: die rote Latzhose aus Cord. Die macht mir noch zusätzlich gute Laune. Das kurzärmelige Rollkragenshirt darunter betont meine Figur und mit dem seitlich geflochtenen Zopf fühle ich mich wie „ich“. Beim Spaziergehen mit einer Freundin, sage ich sogar zu ihr, schau mal, wie schlank mein Schatten aussieht und sie sagt nur, du bist ja auch schlank und ich glaube ihr nur halb. Denn dieser Tag ist eine Ausnahme, an diesem Tag kann ich etwas auffälliges tragen und die Menschen dürfen mich ruhig ansehen, ich brauche mich nicht zu verstecken. An anderen Tagen trage ich lieber schlicht und weit. Unauffällig, fast getarnt. Ich mag es nicht, wenn die anderen mich ansehen. Sie könnten über mich urteilen. Ich sage mir oft, dass es sie wahrscheinlich gar nicht interessiert. Aber die Sorge bleibt trotzdem. Sehe ich sportlich genug aus? Sehen die anderen auch meinen furchtbaren Bauch und das bisschen Fett an meinen Beinen? Vielleicht denke sie auch, dass ich mich plump bewege oder meine Kleidung viel zu eng ist für meine Figur. „Die sollte sicherlich keine enge Hose tragen“. Niemand hat in den letzten Jahren gesagt, dass ich zu dick wäre, ganz im Gegenteil. Ich fühle mich schuldig und mies, weil ich irgendwie nicht das gleiche sehe. Ich verstehe auch eigentlich nicht, warum das so ist. Warum ich die einzige bin, die mich derart sieht. Ich kann ihnen einfach nicht glauben, wenn ich meinen Bauch anfasse, und da so viel Fett in meinen Händen ist. Warum sollte ich falsch liegen, wenn ich es mit meinen Händen beweisen kann? Viele Gedanken drehen sich tagtäglich um Ernährung, Sport und Körpergefühl. Irgendwie erscheint es mir oft, als wäre das der einzige Bereich in meinem Leben, über den ich einigermaßen Kontrolle hätte. Die Mehrheit meiner Tage sind durchzogen von diesen Gedanken.

Aber an diesem besonderen Tag trage ich für zumindest eine Stunde mein Innerstes in Form einer bunten Latzhose nach außen: Liebe und Lebensfreude.

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