Den Schein aufrechterhalten

Fünf Personen und ein Hund in einer Zwei-Zimmerwohnung unter zu bekommen, ist Kunststück, dass mir nicht zu 100 Prozent gelungen ist. Zumindest nicht in Anbetracht meines psychischen Zustands. Gerade bin ich erst am Anfang der Therapie und versuche, mit den Medikamenten klarzukommen, da hole ich mir ein Haufen Leute ins Haus. Unter anderem meine Geschwister, die natürlich immer einen Teil Familiengeschichte mitbringen. Die unterschiedlichen Lebensweisen und Einstellungen machen schon die Essensplanung schwierig. Während die eine Hälfte um acht Uhr morgens aufsteht, würde die andere am liebsten bis um zwölf Uhr im Bett liegen bleiben. Aktivurlaub versus Entspannen. Organisiert versus „in den Tag leben“. Ich bin heilfroh, dass keiner nachts über den andern stolpert. Versteht mich nicht falsch, ich liebe es Familie und Freunde zu Gast zu haben. Ich mag es, für sie zu kochen, zu backen, sie zu unterhalten und Wanderrouten auszusuchen. Gerade auch weil meine Geschwister so weit weg wohnen, bin ich immer sehr glücklich, wenn ich sie mal wiedersehen kann.

Diese Energie und Aufregung machen mich aber auch hibbelig und nervös. Ich kann mich schlecht aus dem Geschehen raushalten. Da fällt eine Sporteinheit schon mal weg, es wird zu unregelmäßigen Zeiten gekocht und die Schlafenszeit kann nicht gehalten werden. Das nervt mich leider ungemein. Dazu kommen Gespräche über unsere Eltern und unsere Erziehung und damit fühle ich mich momentan überfordert. Ich verspüre dabei sehr viele negative Gefühle und eine belastende Anspannung. Ich versuche das manchmal auch zu kommunizieren, öfter aber wahre ich den Schein, dass alles gut ist. Schlucke meinen Frust runter, schiebe die Negativität beiseite. Schließlich sind sie so selten da. Manchmal lasse ich das in Form von Selbsthass an mir aus oder (und das finde ich am schlimmsten) an meinem Partner. Habe körperbezogene Sorgen, befürchte meinen Rhythmus nicht wiederzufinden. „Selbst schuld“. Hab mir den Besuch ja selbst zuzuschreiben. Kann ja keiner etwas dafür, dass ich bei ein paar Gästen noch weniger mit mir klarkomme als sonst schon. Abends liege ich dann lange wache, grüble, sorge mich, mache mich selbst fertig. Und am nächsten Tag geht es weiter damit, weil ich wegen mir selbst so spät eingeschlafen bin oder eine Diskussion mit meinem Mann hatte. Reiße mich zusammen niemanden wegen einer Kleinigkeit anzufahren oder einfach im Bett liegen zu bleiben. Aber Hauptsache die anderen bemerken es nicht. Obwohl sie von meiner Krankheit wissen, sollen sie um jeden Preis sehen, wie fröhlich, glücklich und energiegeladen ich trotz allem bin. Dry your tears and smile…

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