Die Kunst des Davonlaufens

Wenn ich eine Sache in den letzten Jahren gelernt habe, dann wie man davonläuft und das wortwörtlich. Es war immer schwierig für mich in meiner Familie, also bin ich einfach mal so aus dem Norden geflohen und in den Süden gezogen. War ich im Sommer für ein paar Wochen zu Hause, bin ich nach einem Lauftrainingsplan vier bis fünf Mal die Woche gelaufen. Laufen, um nicht zu denken. Fahrradfahren, um nicht zu fühlen. Sport machen, um sich selbst zu vergessen. Bin ich verhindert, Sport zu machen, ist mein Tag dahin. Kein Fenster mehr, indem ich frei von allem bin. Einmal am Tag Sport machen, reicht in meinen schlechten Phasen auch nicht. Wahrscheinlich kann ich von Glück reden, dass Sport mein Mittel erster Wahl ist und nicht Alkohol, Rauchen oder Drogen. Unter anderen Umstände wären letztere als Möglichkeit des Entfliehens gar nicht mal undenkbar. Dieses Wissen ist auch der Grund, warum ich tunlichst die Finger davonlasse. Aus Angst vor mir selbst. Was ich mir manchmal mit meinem Sportpensum antue, würde ich jedoch auch keinem empfehlen. Einerseits bin ich froh abends im Bett zu liegen, völlig erledigt mit schmerzendem Körper, weil ich neben der Tatsache, mich super abgelenkt zu haben, auch noch meiner Angst dick zu werden, entgegengewirkt habe. Andererseits frage ich mich, ob und wie lange ich das mitmache, denn Spaß habe ich selten. So gut wie nie. Mein Körper ist mir da ein zuverlässiger Partner, mit Zerrungen laufen gehen, mit Rückenschmerzen Kreuzheben machen, sind alles kein Problem. Der macht das alles mit. Bestätigt mich darin, dass er leistungsfähig genug ist, um noch mehr zu machen, dass ich keine Pause brauche. „Wenn du weglaufen willst, bin ich dabei, mach dir keine Sorgen“. Manchmal ist dieser Satz das Einzige, worauf ich mich verlassen kann. Dass er mit mir drei Mal am Tag Sport macht oder drei Stunden mit mir in den Bergen traillaufen geht, damit es mir „gut“ geht.

Dass ich Sport mache, um mich nicht mit Sorgen und Ängsten konfrontieren zu müssen, weiß ich noch nicht lange. Rausgekommen ist das in einer Praxiseinheit in meinem Studium. Wir haben die „Stuhl-Technik“ erprobt. Man sucht sich einen inneren Konflikt (den haben so ziemlich alle) und teilt die Konfliktparteien auf. Im besten Fall erstmal in zwei verschiedene (sehr typisch: der innere Kritiker und das innere Kind). Diese „setzen“ sich dann auf die Stühle. Die Stühle gibt es dann wirklich und man setzt sich immer in einen von beide und die Konfliktparteien in einem selbst führen dann einen Dialog/ein Streitgespräch. Das hört sich im ersten Moment etwas abgefahren an, man muss sehr ehrlich mit sich sein und sich darauf einlassen können. Aber für mich war das eine riesige Erfahrung. Es ist richtig aus mir „rausgebrochen“ im Laufe des Gesprächs. Und es war leider auch eine sehr schlimme Erfahrung. Denn so stark war ich noch nie meinen größten Ängsten ausgesetzt. Ich habe das die ganze Woche mit mir herumgetragen und konnte umso besser verstehen, warum ich den Sport oder das Wandern oder was auch immer so dringend brauche.
Jetzt gerade laufe ich wahrscheinlich irgendwo in einem Wald rum und mein Körper und ich sind ein Team. Damit der Kopf eine Pause hat, werden wir so lange laufen, wie es sein muss. Bis ich was besseres finde…

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