Ursprung allen Übels

In meinen Praktika habe ich viele Menschen kennengelernt, die auf der Suche nach dem Ursprung ihres psychischen Leidens sind. Mir geht es genauso. Nicht, weil ich die Schuld oder Verantwortung in der Vergangenheit zu finden glaube, sondern weil ich denke, dass es mir helfen wird, mich besser zu verstehen. Leider ist das mit einer der unschönsten Dinge, die ich bisher in meinen Therapiesitzungen bearbeitet habe. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass es vielen so geht. Es tut weh, in der Familiengeschichte rumzuwühlen, um herauszufinden, warum ich immer mir so viele Sorgen mache, warum ich mich nie belohnen und das Leben nicht genießen kann. Heute habe ich eine Episode aus meinem Leben nicht mal zur Hälfte durchgekaut, von der ich bisher dachte, das sie gar keine wichtige Rolle spielen würde. Ich habe währenddessen Emotionen verspürt, die ich derart noch nie in dem Zusammenhang hatte. Das finde ich erschreckend. Habe ich wirklich jahrelang verdrängt, welche Veränderungen dieses Ereignis mit sich gebracht hat? Warum ist mir nie aufgefallen, dass das „Davor“ ganz anders aussah als das „Danach“? Wie oft geht man wohl durchs Leben und merkt gar nicht, welchen Einfluss bestimmte Ereignisse im Leben auf einen selber, eine Familie, eine Zukunft haben? Ich glaube, dass man, wenn man überhaupt dazu kommt, sich sehr aufmerksam mit der Vergangenheit auseinandersetzen muss. Rollen verschiedener Menschen neu betrachten, andere Sichtweisen ausprobieren muss. Man ist leider nicht nur ein Lebewesen im „hier und jetzt“. Wir sind Teil eines Systems. Eines Vergangenen und eines Zukünftigen. Nach 23 Jahren gebe ich den Rollen einiger Meschen in meinem Leben eine neue Bedeutung, obwohl ich sicher war, dass es 23 Jahre dieselben waren. Das kann einen verwirren, aufwühlen und auch mal erleichtern. Einiges erscheint so schlimm, dass es am liebsten nie wieder aus der letzten Ecke des Bewusstseins herausgeholt werden möchte. Ich dachte, dass in diesem Abschnitt meines Lebens ein ganz anderes Familienmitglied im Mittelpunkt stand. Eine halbe Stunde darüber zu reden, hat mir gezeigt, wie sehr sich mein Leben dadurch verändert hat, ohne dass ich jemals zuvor bewusst darüber nachgedacht hätte. Ich weiß jetzt schon, dass es mit einer halben Stunde nicht gegessen ist und ich habe ein wenig Angst vor dem was noch kommt. Aber ich versuche mutig zu sein.

Angst ist das, was uns manchmal davon abhält die Dinge neu zu betrachten oder überhaupt zu betrachten. Denn was könnte alles passieren, wenn ich meine Welt mal auf den Kopf stelle?

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